polypharmazie & trockene augen

Polypharmazie und trockene Augen: Wenn Medikamente den Tränenfilm beeinflussen

Autor: Dr. med. univ. Soheyl Asadi

Veröffentlicht am: 05.09.2026

Trockene Augen, eine Meibomdrüsendysfunktion (MGD) und chronische Lidrandbeschwerden haben häufig nicht nur lokale Ursachen. Gerade bei älteren Patienten sollte auch die gesamte Medikation berücksichtigt werden.

Denn verschiedene systemische Medikamente können die Tränenproduktion, die Zusammensetzung des Tränenfilms oder die Funktion der Meibomdrüsen beeinflussen. Werden mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen, können sich solche unerwünschten Wirkungen überlagern.

Was bedeutet Polypharmazie?

Eine international einheitliche Definition gibt es nicht. Häufig wird von Polypharmazie gesprochen, wenn vier bis fünf oder mehr Medikamente längerfristig gleichzeitig eingenommen werden. Neuere Konzepte unterscheiden zusätzlich eine „problematische Polypharmazie“, bei der weniger die reine Anzahl als vielmehr die Angemessenheit und das mögliche Schadenspotenzial der Medikation entscheidend sind.

Polypharmazie betrifft insbesondere ältere Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen. Mit zunehmender Zahl der Medikamente steigen unter anderem das Risiko für Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und sogenannte Verordnungskaskaden – also Situationen, in denen eine Nebenwirkung eines Arzneimittels mit einem weiteren Medikament behandelt wird.

Was haben Medikamente mit trockenen Augen zu tun?

Bestimmte Arzneimittel können an unterschiedlichen Stellen des Tränensystems eingreifen. Sie können beispielsweise die Tränensekretion reduzieren, die Schleim- oder Lipidkomponente des Tränenfilms verändern oder die Funktion der Meibomdrüsen beeinflussen. Das kann die Stabilität des Tränenfilms herabsetzen und Beschwerden eines trockenen Auges auslösen oder bestehende Symptome verstärken.

Zu den Medikamentengruppen, die mit trockenem Auge in Verbindung gebracht werden, gehören unter anderem:

  • Antihistaminika
  • Antidepressiva und verschiedene andere Psychopharmaka
  • Medikamente mit anticholinerger Wirkung
  • Betablocker und bestimmte andere Blutdruckmedikamente
  • Diuretika
  • Anxiolytika und bestimmte Schlafmittel
  • Isotretinoin und andere Retinoide
  • bestimmte hormonelle Therapien
  • einzelne neurologische und onkologische Medikamente

Antihistaminika, Betablocker, Diuretika, Antispasmodika und bestimmte Psychopharmaka können beispielsweise die Tränensekretion vermindern.

Auch neuere klinische Daten unterstützen diesen Zusammenhang. In einer Analyse der DREAM-Studie mit 535 Patienten waren verschiedene systemische Medikamente mit einzelnen objektiven oder subjektiven Parametern eines trockenen Auges assoziiert. Besonders bei Antihistaminika zeigte sich unter anderem eine kürzere Tränenfilm-Aufreißzeit und eine stärkere Symptomatik.

Polypharmazie, Meibomdrüsen und Blepharitis

Für viele Patienten mit trockenem Auge ist nicht allein die wässrige Tränenproduktion entscheidend. Die Meibomdrüsen produzieren Lipide, die die Verdunstung der Tränenflüssigkeit reduzieren. Ist ihre Funktion gestört, kann ein evaporatives trockenes Auge entstehen.

Einige Medikamente können direkt oder indirekt die Meibomdrüsenfunktion beeinträchtigen. Besonders gut beschrieben ist dies beispielsweise für systemisches Isotretinoin. Isotretinoin ist eine sehr erfolgreiche Therapie bei Akne. Bei Patienten mit trockenen Augen ist es jedoch wichtig, auf die Dosierung zu achten und Tränenfilm sowie Meibomdrüsen regelmäßig zu kontrollieren, damit mögliche Veränderungen frühzeitig erkannt werden.

Eine gestörte Augenoberfläche, instabiler Tränenfilm, MGD und entzündliche Veränderungen der Lidränder können sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb ist bei chronischer Blepharitis oder therapieresistentem trockenem Auge eine vollständige Medikamentenanamnese sinnvoll.

Dabei gilt jedoch: Nicht jede Blepharitis bei einem Patienten mit Polypharmazie ist medikamentös verursacht. Blepharitis und MGD können zahlreiche weitere Ursachen und Einflussfaktoren haben.

Warum mehrere Medikamente besonders relevant sein können

Das eigentliche Problem ist nicht automatisch die Anzahl der Tabletten. Entscheidend ist, ob einzelne Präparate unerwünschte Wirkungen aufweisen und ob sich Effekte verschiedener Medikamente addieren.

Ein Patient kann beispielsweise gleichzeitig ein Antihistaminikum, ein Antidepressivum, ein Diuretikum und weitere Medikamente einnehmen. Mehrere dieser Substanzen können potenziell Faktoren beeinflussen, die für die Augenoberfläche relevant sind.

Genau deshalb empfehlen aktuelle Polypharmazie-Leitlinien eine regelmäßige strukturierte Überprüfung der gesamten Medikation. Dabei sollen Nutzen, Risiken, Wechselwirkungen, individuelle Beschwerden und die Lebenssituation des Patienten berücksichtigt werden.

Was kann man therapeutisch tun?

Bei Patienten mit chronischem trockenem Auge sollte deshalb nicht ausschließlich das Auge behandelt werden. Insbesondere bei Polypharmazie kann eine strukturierte Medikamentenanamnese ein wichtiger Bestandteil der Ursachenabklärung sein.

Zunächst sollte geklärt werden, welche Medikamente tatsächlich eingenommen werden (einschließlich frei verkäuflicher Präparate und Selbstmedikation). Die aktuelle Polypharmazie-Leitlinie empfiehlt einen systematischen Medikationsabgleich mindestens einmal jährlich sowie zusätzlich bei Problemen oder nach Krankenhausaufenthalten.

Anschließend kann gemeinsam mit den behandelnden Ärzten geprüft werden:

  1. Ist jedes Medikament weiterhin medizinisch notwendig?
  2. Ist die aktuelle Dosierung erforderlich?
  3. Gibt es Hinweise auf eine medikamentenbedingte Verschlechterung der Augenbeschwerden?
  4. Gibt es bei gleicher medizinischer Wirkung eine besser verträgliche Alternative?
  5. Kann gegebenenfalls eine Dosierung angepasst werden?
  6. Ist bei einzelnen Medikamenten ein ärztlich begleitetes „Deprescribing“ sinnvoll? Bei Polypharmazie kann es sinnvoll sein, die Medikation regelmäßig ärztlich zu überprüfen und nicht mehr notwendige oder ungünstige Medikamente gegebenenfalls anzupassen oder abzusetzen.

Dabei steht die Patientensicherheit an erster Stelle. 

Medikamente niemals eigenständig absetzen

Ein entscheidender Punkt: Patienten sollten Medikamente wegen trockener Augen niemals selbstständig absetzen oder die Dosierung verändern.

Eine Therapieanpassung muss mit dem jeweils behandelnden Arzt abgestimmt werden. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt ausdrücklich eine gemeinsame Nutzen-Risiko-Abwägung, einen konkreten Behandlungsplan und eine anschließende Kontrolle. Patienten sollen zudem darüber informiert werden, welche Medikamente nicht eigenständig abgesetzt, pausiert oder verändert werden dürfen.

Parallel dazu kann die augenärztliche Behandlung des trockenen Auges beziehungsweise einer bestehenden Meibomdrüsendysfunktion erfolgen. Welche Therapie sinnvoll ist, hängt vom individuellen Befund der Augenoberfläche, des Tränenfilms, der Lider und der Meibomdrüsen ab.